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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 17. November 2025
Originaltitel: Roofman
Laufzeit: 126 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Derek Cianfrance
Musik: Christopher Bear
Besetzung: Channing Tatum, Kirsten Dunst, Peter Dinklage, LaKeith Stanfield, Juno Temple, Ben Mendelsohn, Lily Collias, Kennedy Moyer, Uzo Aduba, Emory Cohen, Melonie Diaz, Molly Price, Tony Revolori, Jimmy O. Yang
Kurzinhalt:
Das Urteil, das im Februar 2004 gegen ihn gesprochen wird, trifft Jeffrey „Jeff“ Manchester (Channing Tatum) wie ein Schlag: 45 Jahre soll er ins Gefängnis für einen Überfall auf einen Schnellimbiss, bei dem niemand zu Schaden kam. Das nur, weil die Polizei überzeugt ist, dass er Dutzende solcher Überfälle verübt hat, selbst wenn man ihm diese nicht nachweise kann. Der ehemalige Soldat hat eine Gabe, Muster und Routinen zu erkennen, was er sich auch im Gefängnis zunutze macht und wenig später ausbricht. Jeff versteckt sich in einem Spielwarengeschäft in der Nähe, in dem er für ein paar Wochen untertauchen soll, bis sein ehemaliger Kamerad Steve (LaKeith Stanfield) ihm zur Flucht verhelfen will. Doch aus den Wochen werden Monate, in denen sich Jeff zwar nachts frei bewegen kann, tagsüber aber versteckt bleiben muss. Als er beginnt, die Angestellten mit Kameras zu beobachten, wird er auf Leigh (Kirsten Dunst) aufmerksam und begegnet ihr bei ihrer Kirchengemeinde. Aus ihnen wird ein Paar und Jeff findet sogar einen Draht zu Leighs beiden Töchtern. Doch so sehr er sich bemüht, am normalen Leben teilzunehmen, will er Leigh und den Kindern etwas bieten, oder eine bessere Zukunft für sich selbst, sieht Jeff keinen anderen Weg, als wieder zu Mitteln zu greifen, mit denen er die Menschen, die ihm wichtig sind, verletzt …
Kritik:
Filmemacher Derek Cianfrance erzählt in Der Hochstapler – Roofman die wahre Geschichte des als eben solcher bekanntgewordenen Einbrechers und Räubers Jeffrey Manchester, der in dutzende Schnellimbissfilialen eingebrochen ist und deren Einnahmen erbeutet hat. Selbst wenn er dabei stets zuvorkommend und Augenzeugen zufolge „nett“ gewesen ist, seine Verbrechen schmälert das nicht. Ebenso wenig, wie viel Leid er verursacht hat. Getragen von zwei starken Darbietungen ist das so unterhaltsam wie charmant, eignet sich aber kaum als Charakterstudie.
Dabei erzählt Manchester die Geschehnisse selbst aus dem Off und beginnt damit, wie er am sechsten Geburtstag seiner Tochter eine Reihe schlechter Entscheidungen begann. Dabei will er an sich nichts Böses, doch erkennt der ehemalige Soldat, den sein Kamerad Steve als den „cleversten dümmsten Typen, den ich je gekannt habe“ bezeichnet, dass er seiner Tochter oder den beiden noch jüngeren Söhnen nicht bieten kann, was diese sich wünschen. Also entscheidet Jeff, eine McDonald’s-Filiale auszurauben. Es ist der Beginn einer Einbruchserie, bei der er stets nach demselben Muster vorgeht. Jeff steigt über das Dach ein und wartet am Morgen, bis die ersten Angestellten die Filiale betreten, um sie zu zwingen, den Safe zu öffnen. Er wird als der „Roofman“ bekannt und könnte beinahe davonkommen, ehe die Polizei ihn doch schnappt. Auch im Gefängnis nutzt er seine Beobachtungsgabe und so gelingt ihm eine unbemerkte und gerade deshalb spektakuläre Flucht, während derer er sich in einem Spielwarenladen versteckt.
Das allein wäre bereits Stoff genug für eine Geschichte, doch Jeffs Aufenthalt wird unfreiwillig verlängert, als Steve, der Jeffs neue Identität beschaffen soll, unerwartet das Land verlässt. So richtet sich Jeff in der Toys „R“ Us-Filiale ein, in der er sich nachts frei bewegt und tagsüber versteckt. Es klingt beinahe zu absurd, um wahr zu sein, wenn man sich vor Augen führt, dass er sich weit über ein halbes Jahr gewissermaßen vor den Augen der Angestellten versteckt hält, sich von Süßigkeiten und dem ernährt, was der Laden anbietet. Er beginnt, die Angestellten zu beobachten und wird irgendwann mutig genug, den Laden zu verlassen. Dabei kommt er der alleinerziehenden Mutter Leigh Wainscott näher, die in dem Spielzeugladen arbeitet, und wird sogar Teil ihrer Familie. Dass ihm irgendwann ein Fehler unterlaufen wird, ist zwar bereits deshalb absehbar, wie Roofman erzählt ist, doch legt Regisseur Cianfrance weniger Wert auf diesen Krimi-Aspekt seiner Geschichte. Er rückt stattdessen Jeff selbst in den Mittelpunkt und versucht, sich der Frage zu nähern, was ihn zu seinen Entscheidungen bewegt.
Im Grunde ist Jeff eine traurige Figur und das nicht nur, weil er nie dauerhaft erreicht, was er sich so sehr wünscht. Sein ganzes Handeln scheint davon getrieben, sich die Sympathie der Menschen in seinem Leben erkaufen zu können. Sei es, dass er die Überfälle begeht, um seine Tochter glücklich machen zu können, oder dass er Leigh und ihre Töchter mit Geschenken überhäuft, die er mit dem Erlös der zusammengeklaubten Spielzeugwaren finanziert. Selbst, wenn er in Leighs Kirchengemeinde oder ihre Familie aufgenommen wird, er kann sich ihr doch nicht anvertrauen und kehrt regelmäßig zu seiner einsamen Matratze zurück, abgetrennt vom Rest des Lebens. Ganz abgesehen davon, dass er zwar Leighs Töchter mit der Zeit für sich gewinnen kann, doch er dabei den Kontakt zu seiner eigenen verliert. Hauptdarsteller Channing Tatum verleiht Jeffrey Manchester in vielen Augenblicken eine Traurigkeit, bei der durchschimmert, dass er an sich nicht tun will, was er tut. Doch um sein Ziel zu erreichen, tritt er eine stets größer werdende Lawine los, vor der zu fliehen ihm irgendwann nicht mehr gelingt.
Insofern ist es durchaus passend, dass Der Hochstapler – Roofman zwar in vielen Momenten amüsant und leichtfüßig präsentiert wird, immerhin will Jeffrey niemanden bewusst verletzen, am Ende aber die ruhigen und ernsteren Momente mehr in Erinnerung bleiben. Nichtsdestotrotz gelingt es Regisseur Derek Cianfrance nicht wirklich, Jeff als Charakter zu fassen oder begreiflich zu machen, wie er es vor sich selbst rechtfertigt, dass er auf der einen Seite Vaterfigur und Partner sein will, gleichzeitig aber neue Straftaten begeht. Zwar wird deutlich, was ihn antreibt, der Wunsch, dazu zu gehören und den Menschen, die ihm wichtig sind, zu gefallen, doch die reflektierte Art und Weise, mit der er seine eigene Erzählung begleitet, passt nicht wirklich zu seinen Handlungen, zumal er keinerlei Moralvorstellungen durchblicken lässt. Das mag daran liegen, dass seine Erkenntnis bei ihm erst nach den Ereignissen des Films eingesetzt hat, doch geht er bei allem, was er tut, derart methodisch und überlegt vor, dass man kaum von einer Impulsreaktion sprechen kann. Dieser Eindruck wird durch die Informationen, die ein paar Textzeilen am Ende der Erzählung bereithalten, sogar noch verstärkt.
Doch das ändert nichts daran, dass Roofman seine zentralen Figuren auf eine charmante Art und Weise zum Leben erweckt, bis hin zu Leighs Vorgesetztem Mitch, der gewissermaßen als Fiesling der Geschichte fungiert. Im Gegenteil, man würde sich sogar freuen, wenn Jeff mit Leigh endlich das Glück findet, das er so sehr sucht, und auch ihr würde man wünschen, dass sie und ihre Töchter jemanden an ihrer Seite haben, auf den sie sich verlassen können. Mag sein, dass die Erzählung nie das Tempo entwickelt, das man erwarten würde, und sich der Figur im Zentrum weniger zu nähern vermag, als erhofft – was auch insofern schwierig ist, da er sich über die gesamte Laufzeit niemandem anvertrauen kann – doch der in vielen Momenten berührenden Geschichte tut dies keinen Abbruch.
Fazit:
Selbst wenn Jeff sich bei seiner „neuen“ Familie redlich bemüht, er sieht hier auch, was er bei seinen eigenen Kindern verpasst. Unbestritten, diese Situation hat er sich selbst eingebrockt, doch zumindest zu Beginn kann man ihm kaum böse sein, so nett, wie er bei seinen Überfällen vorgeht. Das allein macht Derek Cianfrance Erzählung amüsant und verleiht der Figur ungemein viel Charme. Doch nach und nach arbeitet der Regisseur heraus, wie viel Leid Jeff über die Menschen bringt, die ihm wichtig sind – und auch sich selbst. Alles nur, um eine zweite Chance zu erhalten und nicht allein zu sein. Das macht seine Geschichte letztlich durchaus tragisch, so humorvoll sie oftmals sein mag. Wirklich mitzureißen vermag sie allerdings nicht, was die tadellose handwerkliche Umsetzung ebenso aufwiegt, wie die Besetzung, die Channing Tatum und Kirsten Dunst durch zwei facettenreiche Darbietungen bereichern. Mit einem bewusst zurückgenommenen Erzähltempo lässt Der Hochstapler – Roofman eine Beobachtung seiner zentralen Figur zu und was sie zu Entscheidungen führt, die Jeff in eine Abwärtsspirale führen, die nicht nur ihn in den Abgrund zu reißen droht. Das ist unterhaltsam, im besten Sinne harmlos, aber mit Charme und durchaus warmherzig erzählt.

