Anemone [2025]

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Wertung: 3.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 13. November 2025
Genre: Drama

Originaltitel: Anemone
Laufzeit: 126 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Ronan Day-Lewis
Musik: Bobby Krlic
Besetzung: Daniel Day-Lewis, Sean Bean, Samantha Morton, Samuel Bottomley, Safia Oakley-Green


Kurzinhalt:

Seit 20 Jahren haben sich Ray (Daniel Day-Lewis) und sein Bruder Jem Stoker (Sean Bean) nicht gesehen. Ray hat sich in ein bescheidenes Haus im Wald zurückgezogen, fernab von anderen Menschen. Weshalb Jem ihn in der Abgeschiedenheit aufsucht, verrät ein Brief an Ray, den Jems Frau Nessa (Samantha Morton) verfasst hat. Darin beschreibt sie, dass ihr und Rays Sohn Brian (Samuel Bottomley), den Jem wie seinen eigenen großzieht, an einem dunklen Ort in seiner Entwicklung angekommen ist und sie hofft, dass Ray in der Lage ist, ihn wieder auf den rechten Pfad zurück zu bringen. Doch Ray lehnt die Verantwortung weiter ab. Durch Jems Anwesenheit werden sie beide mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, mit den Entscheidungen, die sie getroffen oder nicht getroffen haben. Dies reißt Wunden auf, die nie verheilt sind – und auch die Ursache für die gesamte Situation darstellen …


Kritik:
Das Spielfilmregiedebüt von Ronan Day-Lewis wartet mit einer der besten Darbietungen des Jahres auf und ist ungemein bildgewaltig präsentiert. Sein Drehbuch, das er zusammen mit seinem Vater Daniel Day-Lewis verfasste, der für die Hauptrolle nach acht Jahren Ruhestand erstmals wieder vor die Kamera tritt, widmet sich auch großen und schweren Themen. Doch Anemone ist derart um seine künstlerische Bedeutsamkeit bemüht, dass die Entwicklung der Figuren – und das Publikum – dabei auf der Strecke bleibt.

Nachdem er um Stärke gebetet hat, verabschiedet sich Jem Stoker mit wenigen Worten von seinem erwachsenen Sohn Brian, der geradezu regungslos in seinem Bett liegt. Auch der Abschied von seiner Frau Nessa kommt ohne große Worte aus. Mit seinem Motorrad fährt er in die Abgeschiedenheit, zu Koordinaten, wo er ein einfaches Haus vorfindet, mitten im Wald im Nirgendwo. Darin lebt sein Bruder Ray, zurückgezogen, eine selbst gewählte Bestrafung. Seit 20 Jahren haben sie sich nicht gesehen oder gesprochen und auch jetzt haben sie einander kaum etwas zu sagen. Dabei könnte es um kaum etwas Wichtigeres gehen. Doch dafür müssen sich beide ihrer Vergangenheit stellen, so schmerzhaft sie auch sein mag.

Worauf Anemone inhaltlich hinaus will, ist lange Zeit ein Rätsel. Hört Ray, dass sich jemand seinem Rückzugsort nähert, bewaffnet er sich und lässt das Beil erst dann sinken, als sich die Person mit einem Klickgeräusch zu erkennen gibt. Aber selbst wenn sich die Brüder Ray und Jem gegenüberstehen, ist von der Herzlichkeit eines Wiedersehens keine Spur zu erkennen. Sie wechseln kaum ein Wort miteinander, erst wenn der Alkohol abends fließt, tauschen sie sich über die Vergangenheit aus. Den Brief von Nessa, den Jem Ray mitgebracht hat, lässt Ray liegen. Die Erinnerungen führen sie an dunkle Orte ihrer Jugend, in denen sie Missbrauch und Gewalt ausgesetzt waren. Aber nicht das hat Jem zu Ray geführt, sondern Brian. Brian ist Rays Sohn, dem er seit seiner Geburt nie gegenüber gestanden hat. Doch Brian steht an einem Scheideweg. Er hat etwas Schlimmes getan und versteckt sich derzeit Zuhause. Was ihn zu der Tat bewogen hat, kann er selbst kaum sagen und seine Wut ebenso wenig verstehen. Brian weiß, dass Jem nicht sein leiblicher Vater ist, aber über Ray hat er nur Geschichten und Gerüchte gehört. So soll Ray ein Mörder sein. Liegt ihm der Hang zur Gewalt also im Blut? Der Schatten seines leiblichen Vaters, über den seine Mutter immer noch in höchsten Tönen spricht, obwohl er sie beide doch verlassen hat, schwebt über allem, was Brian tut. Es ist eine Bürde, die ihn so sehr beschäftigt, dass er sich seiner Tat nicht zu stellen vermag.

Dem Kern dessen, was geschehen ist, dass sich Ray von seiner Familie in die Einsamkeit zurückzog, nähert sich Anemone erst im letzten Drittel und beleuchtet dabei in einer langen Sequenz beinahe gleichzeitig, was Ray erlebt und wie Nessa sein Verhalten wahrgenommen hat. Dass sie nach all der Zeit immer noch in Ray verliebt ist, ist nicht zu übersehen, immerhin ist der Brief, den sie ihm bezüglich Brian geschrieben hat, nicht der erste. Keinen ihrer vorherigen hat Ray beantwortet. Erzählt Ray seinem Bruder, was er getan hat, wartet das Drama mit einer langen Einstellung auf, die von Daniel Day-Lewis so überragend gespielt ist, dass diese paar Minuten beinahe alles andere überlagern. Er macht durch seine Stimme und seine Mimik auf eine unvermittelte Art und Weise begreifbar, welche Schuld Ray auf sich geladen hat, die er glaubt, nie wieder gutmachen zu können. Aber bis es soweit ist, nimmt sich Filmemacher Ronan Day-Lewis geradezu unvorstellbar viel Zeit.

Nicht nur, dass er lange auf einzelnen Einstellungen verweilt, zwischen den Äußerungen der Dialoge gibt es derart viele unnatürliche Pausen, dass man selbst droht, den Faden zu verlieren. Dennoch ist Anemone ein dialoggetriebenes Drama, dessen Bildersprache nur in Verbindung mit den gesprochenen Worten einen Sinn ergibt. Die Optik ist dabei stellenweise malerisch, anderenorts geradezu transzendent. Bei Rays vorgenannter Erzählung seiner Vergangenheit kann man miterleben, wie die Sonne im Hintergrund untergeht und die vielen Naturaufnahmen verheißen mit den dunklen Wolken ein heraufziehendes Unheil, das nur ein klärender Gewittersturm zu bereinigen vermag. Wenn Ray und Jem gemeinsam am Strand Laufen gehen, Ray aber mit unbändiger Entschlossenheit an Jem vorbeizieht und ihn uneinholbar zurücklässt, könnte das bildlich kaum treffender sein. Doch diese vielen gelungenen Beobachtungen verstecken sich in einer Erzählung, die geradezu bewusst einen möglichen Erzählfluss ins Stocken bringt. Der Film ist zur Hälfte vorbei, bis überhaupt zur Sprache kommt, dass Ray und Jem beim Militär waren, was den Ringschluss zu den ersten Sekunden des Dramas bildet und den Kern von Rays Konflikt. Wie es dabei Jem ergangen ist, blendet die Geschichte ebenso aus, wie es eine Klärung schuldig bleibt.

Alle Figuren in Anemone wirken, als würde sie etwas belasten, aber bis auf Brian und Ray nähert sich das Drama keiner weiteren. Wie es dazu kam, dass Jem die Vaterrolle für seinen Bruder übernommen hat, ist ebenso wenig klar, wie Brians Freundin Hattie für die Erzählung überhaupt relevant. Gleichermaßen verhält es sich damit, dass sich Jem und Nessa bewusst gläubig zeigen, was keine wirkliche Auswirkung auf ihre Handlungen zu haben scheint. Regisseur Ronan Day-Lewis wartet mit vielen, vielen Ideen auf, bis hin zu übernatürlichen Motiven, aber der rote Faden, der all das zusammenhalten soll, wirkt so konstruiert wie dünn strapaziert. Für das Publikum macht es das damit unnötig schwer, überhaupt einen Zugang zu finden.


Fazit:
So wortkarg das Wiedersehen zwischen den Brüdern, Jem scheint sichtlich darum bemüht, die richtigen Worte zu finden, weiß aber offenbar nicht, was er sagen soll. Sean Bean zeigt eine starke Darbietung, aber es ist Daniel Day-Lewis, dem es gelingt, vollständig hinter seiner Figur zu verschwinden. Rays Monolog über den verstorbenen Priester ist fantastisch gespielt, aber wie viele Momente des Dramas spürbar zu lang. Was in der ersten Stunde geschieht, könnte man mühelos in der Hälfte der Zeit gleichermaßen gelungen erzählen und auch die zweite ist nicht merklich kohärenter dargebracht. Trotz der gelungenen, mitunter sogar preiswürdigen Darbietungen bleibt der Konflikt der Figuren kaum greifbar und die Aufarbeitung von Schuld und der Erkenntnis, sich selbst zu vergeben, erscheint wenig ausgereift. Wie Ray seine Scham überwindet, kommt viel zu plötzlich, bei Brian wird gar nicht thematisiert, wie oder ob er sich der Verantwortung für seine Taten stellen muss. Mit einer stellenweise bewundernswerten Optik zeigt Anemone eindrucksvoll, zu welcher Bildersprache Filmemacher Ronan Day-Lewis fähig und dass sein Vater einer der besten Darsteller unserer Zeit ist. Inhaltlich karg und in der Präsentation ausufernd, eignet sich das Drama aber nur für ein spezielles Publikum.
 

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