Hamnet [2025]

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5–8 Minuten
Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 5. Dezember 2025
Genre: Drama

Originaltitel: Hamnet
Laufzeit: 125 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Chloé Zhao
Musik: Max Richter
Besetzung: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, Joe Alwyn, Jacobi Jupe, David Wilmot, Olivia Lynes, Bodhi Rae Breathnach, Freya Hannan-Mills, Dainton Anderson, Elliot Baxter, Noah Jupe, El Simons, Louisa Harland, Jack Shalloo, Sam Woolf, Hera Gibson


Kurzinhalt:

Als Will (Paul Mescal) die naturverbundene Agnes (Jessie Buckley) sieht, ist er von ihr fasziniert. Agnes’ jüngeren Stiefgeschwistern gibt Will Lateinunterricht, um die Schulden seines Vaters abzubezahlen. Aber weder damit, noch bei der Arbeit im Betrieb seines Vaters findet Will Erfüllung. Agnes hingegen fühlt sich am wohlsten in der Natur, mit ihrem Falken oder tief im Wald, bei ihren Kräutern. Sie gründen eine Familie, aber Agnes spürt, dass sie Will verliert, wenn sie ihn nicht nach London gehen lässt. Dort beginnt er, das Geschäft seines Vaters zu vergrößern und kann seiner Leidenschaft nachgehen, dem Schreiben, das er bislang nur spät in der Nacht vermochte. Agnes’ und Wills Familie wächst, doch bald schon ereilt sie eine Tragödie, die sie weiter auseinandertreibt. Dabei versuchen sowohl Agnes als auch Will auf ihre jeweils eigene Art und Weise mit der Situation umzugehen …


Kritik:
Basierend auf Maggie O’Farrells Roman Judith und Hamnet [2020] erzählt Filmemacherin Chloé Zhao in Hamnet eine überwiegend fiktive Geschichte betreffend einen der einflussreichsten Schriftsteller aller Zeiten und seine Ehefrau. Sie tut dies allerdings aus einer Perspektive heraus, die eine passend poetische Herangehensweise an so schwere Themen wie Liebe, Verlust und auch den Verlust der Liebe ermöglicht. Edel bebildert und preiswürdig gespielt, spricht das aber auch deshalb nur ein bestimmtes Publikum an, da die emotional unvermittelt berührende Zusammenführung erst ganz am Ende wartet.

England im späten 16. Jahrhundert. Agnes Hathaway ist eine ungewöhnliche Frau. Man sagt sich, sie sei die Tochter einer Waldhexe. Doch Will, der die Söhne der Hathaways in Latein unterrichtet, um die Schulden seines Vaters, ein Handschuhmacher, abzubezahlen, ist von Agnes fasziniert. Sie werden ein Paar und entgegen der Vorbehalte beider Familien heiraten sie. Will erfüllt die Arbeit bei seinem Vater nicht, weshalb er nach London zieht, anfangs, um das Geschäft seines Vaters zu expandieren. Agnes will das Landleben, insbesondere den Wald, zu dem sie sich hingezogen fühlt und in dem sie auch ihr erstes Kind gebärt, nicht aufgeben. So entfernen sich Agnes und Will voneinander, er getrieben von einem Drang, etwas zu erschaffen, schreibt er doch nachts an Manuskripten, sie fest verwurzelt. Bis eine Tragödie die Familie ereilt und alle Mitglieder versuchen, auf ihre eigene Weise mit einem traumatischen Verlust umzugehen, für den es keine Worte gibt.

Das Publikum, das Regisseurin Zhao mit ihrer ruhigen, gleichermaßen auf die Bedeutung der Bilder wie der Worte ausgelegten Erzählung ansprechen will, wird spätestens nach der Einblendung zu Beginn erahnen, von wem die Geschichte handelt. Umso unverständlicher ist, weshalb das Drehbuch so lange mit der Auflösung zurückhält, dass man beinahe vergessen könnte, dass der Name des Protagonisten in den ersten beiden Akten gar nicht enthüllt wird. Der ist von Paul Mescal mit einem zu Beginn beinahe spielerisch verschmitzten Lächeln verkörpert, ehe seine Leidenschaft für das geschriebene Wort ihn so sehr einnimmt, dass dies letztlich der einzige Weg ist, wie er seinen Gefühlen, auch seiner Trauer, Ausdruck verleihen kann. Der eigentliche Star in Hamnet ist allerdings Jessie Buckley, die insbesondere in der zweiten Hälfte eine Tour de Force zeigt, dass der körperliche wie seelische Schmerz, den Agnes durchleidet, einem einen Schauer über den Rücken jagt.

Die Geschichte des Liebespaares ähnelt einer klassischen Tragödie. Entgegen der Vorbehalte beider Familien heiraten sie aus Liebe, sind sie doch von Beginn an von einander hingerissen. Mit ihrer besonderen Verbindung zur Natur besitzt Agnes etwas Mystisches, das Will nicht eingrenzen kann. Die Frauen ihrer Familie sehen Dinge, sagt sie, die andere nicht sehen. Doch ihre Liebe hält Will nicht davon ab, nach London zu gehen und seine Familie zurück zu lassen. Dass etwas Unheilvolles in der Luft liegt, deutet Filmemacherin Zhao bereits früh an, ausgehend von dem Ort, zu dem Agnes immer wieder zurückkehrt. Es ist ein großer Baum, an dessen Wurzeln sich der Eingang zu einer Höhle befindet, die wie das Ungewisse der Zukunft all denen verborgen bleibt, die in der Absicht hineinblicken, sie zu erkennen. Worauf Hamnet dabei hinaus möchte, bleibt lange undeutlich, bis eine gefürchtete Krankheit in London ausbricht und auch vor der Familie nicht Halt macht.

Was folgt, verkehrt das Glück des Beginns in eine Qual, die Jessie Buckley in einem Moment so packend zum Ausdruck bringt, dass es einem wie Agnes das Herz zerreißt. Doch der Schmerz ist nicht das Ende und zeigt das Drama, wie unterschiedlich die Personen versuchen, damit umzugehen, wird deutlich, wie sehr sie sich von einander entfernt haben. Die Regisseurin wählt hierfür lange, ungebrochene Einstellungen, die der Besetzung immer mehr abverlangen. Sie wirft dabei den Blick in die Seele eines der einflussreichsten Autoren aller Zeiten und gleichzeitig in die verschiedenen Arten, Trauer und Verlust zu verarbeiten. Das auszuhalten, ist nicht immer einfach, aber es lohnt insbesondere deshalb, da die Verantwortlichen im letzten Drittel die verschiedenen Aspekte ihrer Geschichte zusammenführen und eine bildhafte Darstellung für die unterschiedlichen Arten der Verarbeitung dieser Trauer finden, die unvermittelt berührt.

Damit folgt die Erzählung nicht nur der klassischen Struktur, sondern ergibt in sich ein stimmiges Bild, auf das man sich allerdings einlassen muss. Der Weg zu dieser unerwarteten wie feinfühligen Auflösung ist nicht immer leicht zu erkennen, da Hamnet mehr wie eine Biografie als ein klassisches Drama anmutet, dessen erzählerisches Ziel absehbar ist. Doch die Bildersprache allein ist geradezu berauschend mit Perspektiven, die so viele Interpretationsmöglichkeiten bieten und der Besetzung Raum, sich zu entfalten. Es ist eine geradezu schwelgerische, in den verletzlichen Momenten der Figuren beinahe intime Umsetzung, deren Wirkung man im jeweiligen Moment womöglich nicht erkennen mag, die aber dafür sorgt, dass viele Augenblicke länger bei einem bleiben, als man vermuten würde. Vor allem aber vermittelt Filmemacherin Chloé Zhao damit eine Atmosphäre, ein Gefühl, das ihre Romanadaption auszeichnet und in der dargestellten Emotion eine Authentizität bietet, die nachwirkt. Stark!


Fazit:
Würde man die Adaption an heute gängigen Erzählstilen messen, könnte man behaupten, dass viele Momente und Einstellungen länger dauern, als sie müssten. Sei es, wenn Regisseurin Chloé Zhao auf Eindrücken in der Natur verweilt, oder wenn sie ganz am Ende Agnes zuerst erkennen lässt, wie Will sich auszudrücken versucht und darin einen Abschluss findet, der ihr allein verwehrt bleibt. Es gibt hier Bilder, deren Bedeutung sich einem zuerst nicht erschließt, ehe sie unvermittelt trifft. Vielleicht auch gerade deshalb, da lange Zeit nicht absehbar ist, wie die Geschichte letztlich aufbereitet wird. Gerade das zeichnet aber den Anspruch aus, mit dem das Drama zum Leben erweckt ist, und weshalb es sich an ein Publikum richtet, das in der Lage und bereit ist, sich darauf einzulassen. Die Inszenierung wirkt wie die Erzählung geradezu lyrisch, bedeutungsvoll und in den Emotionen rau. Das ist herausragend gespielt und fantastisch umgesetzt. So sehr Hamnet ein Fest für die Sinne sein mag, das Gewicht der Trauer und der Traurigkeit wirken beinahe erdrückend, so dass man sich fragen mag, wie immer es den Verantwortlichen gelingen soll, ihr Publikum wieder aufzubauen und die tiefen Wunden der Figuren zu heilen. Dies im letzten Akt mitzuerleben, ist eine der bewegendsten und unerwartetsten Erlebnisse des ganzen Kinojahres und für das richtige Publikum eine Katharsis, wie man sie lange nicht erlebt hat.
 

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