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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 26. November 2025
Originaltitel: Rental Family
Laufzeit: 103 min.
Produktionsland: Japan / USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 0 Jahren
Regie: Hikari
Musik: Jon Thor Birgisson, Alex Somers
Besetzung: Brendan Fraser, Takehiro Hira, Mari Yamamoto, Shannon Mahina Gorman, Akira Emoto, Shino Shinozaki
Kurzinhalt:
Seinen Zenit hat Schauspieler Phillip Vandarploeug (Brendan Fraser) nicht nur überschritten, er hat ihn eigentlich nie erreicht. Seit Jahren lebt er in Japan, aber außer Gelegenheitsaufträgen, bekommt er keine Rollenangebote. Bis ihn Shinji (Takehiro Hira) für seine Agentur „Rental Family“ anwirbt. Dort verkauft man, so Shinji, Emotionen. Die Kundschaft kann beispielsweise eine Begleitung für ein Abendessen, eine Familienfeier oder jemanden buchen, der für einen Angehörigen jemanden verkörpern soll. Als großer Amerikaner füllt Phillip eine Nische. Seine Vorbehalte, den Menschen mitunter unwissend etwas vorzuspielen, legt er ab, als er erkennt, dass er durch die Rollen, in die er schlüpft, nicht nur Erinnerungen schafft, sondern auch Möglichkeiten. Für die alleinerziehende Hitomi (Shino Shinozaki) soll Phillip die Rolle des Vaters ihrer jungen Tochter Mia (Shannon Mahina Gorman) übernehmen. Mia ist oft traurig, soll aber eine renommierte Schule besuchen. Entsprechend soll Phillip als ihr Vater ‚Kevin‘ nicht nur eine Verbindung zu Mia aufbauen, sondern ihr auch helfen, bei der Schule angenommen zu werden. Nachdem das Eis gebrochen ist, entwickelt nicht nur Mia eine enge Verbindung zu ‚Kevin‘, auch für Phillip verschwimmt die Grenze zwischen seiner Rolle und seinen väterlichen Gefühlen …
Kritik:
Entgegen der gängigen Bezeichnung, ist Rental Family der Filmemacherin Hikari keine Tragikomödie. Vielmehr fängt das Drama die Absurdität des Porträts unserer Gesellschaft immer wieder in amüsanten Momenten ein. Im Kern dreht sich die Geschichte aber um die menschliche Verbindung an sich und die Frage, wie lange man etwas vorspielen kann, ehe man doch Teil der Darbietung wird. Preiswürdig und bemerkenswert gespielt, ist dies ein Film voller leiser und feinfühliger Beobachtungen für ein Publikum, das sich auf die ruhige Erzählung einlässt.
In ihrem Zentrum steht der amerikanische Schauspieler Phillip Vandarploeug, der vor sieben Jahren nach Japan kam, dessen Karriere aber nie den Durchbruch erlebte, den er sich erhofft hatte. Inzwischen übernimmt er Gelegenheitsaufträge und wartet nach Vorsprechen auf die eine große Rolle. Vor allem aber entdeckt er immer noch, nach all den Jahren, Facetten an der japanischen Kultur, die ihn überraschen. So auch, als er für eine Beerdigung gebucht wird, die aber nur inszeniert ist. Der Mann, der sich in den Sarg gelegt hat und von dem sich die Anwesenden verabschieden, hat die von Shinji betriebene Agentur „Rental Family“ beauftragt, seine Beerdigung zu arrangieren. Die Agentur bietet Services an, mit denen sich die Kundschaft zum Teil sehr spezifische Wünsche erfüllen kann. Phillips erste Rolle, als er dort fest angestellt wird, lautet beispielsweise, dass er eine junge Japanerin zum Schein heiraten soll, die angeblich mit ihm nach der Hochzeit außer Landes geht. Tatsächlich ist dies für die junge Frau die einzige Möglichkeit, sich von ihrer Familie loszusagen, ohne sie zu verletzen. Doch als Phillip als Vater für das Mädchen Mia gebucht wird, die er auf ihrem Weg begleiten soll, an einer prestigeträchtigen Schule aufgenommen zu werden, muss er erkennen, wie die Grenze zwischen der Rolle, die er spielt, und den emotionalen Verbindungen, die er aufbaut, zu verschwimmen beginnt.
Sowohl auf Mias Seite, die ihren leiblichen Vater nie kennengelernt hat und der Meinung ist, Phillip, den ihre Mutter als Kevin vorstellt, sei ihr Vater, als auch anders herum. Phillip, der selbst keine Kinder hat, entwickelt väterliche Gefühle, die ihm zwar für die zu erfüllende Aufgabe helfen, doch verliert er dadurch die Distanz zu der Rolle, die er verkörpert. Als wäre das nicht bereits schwierig genug, muss Phillip zwischen mehreren solchen Rollen wechseln, die ihn gleichermaßen beanspruchen. Darunter diejenige, die er für den an Demenz erkrankten, achtzigjährigen Schauspieler Kikuo Hasegawa spielt. Dessen Tochter ist um seine Sicherheit besorgt, da der frühere Leinwandstar aber nichts mehr möchte, als nochmals im Rampenlicht zu stehen, gibt Phillip vor, er wäre ein Journalist, der ihn über sein Leben befragt. Akira Emotos Porträt jenes Mannes, der bemerkt, wie ihm sein Gedächtnis durch die Finger rinnt, hält einen der berührendsten Momente der Erzählung bereit und in seinem Blick liegt eine Mischung aus Weisheit und Melancholie, in der man sich verlieren könnte. Wie die Geschichte insgesamt steckt die Figur voll stiller Beobachtungen, auf die einzulassen sich ungemein lohnt.
Es ist absehbar, dass die Illusion, die Phillip für Mia erzeugt, irgendwann in sich zusammenfallen wird, aber wie sich auch die andere Angestellte der Agentur, Aiko, so sehr in ihren Rollen verliert, dass sie buchstäblich Blessuren davonträgt, trifft der Moment nicht nur Mia, sondern auch Phillip unvermittelt. Der Umstand, belogen worden zu sein, wiegt dabei schwerer, als alles andere. Rental Family nimmt sich Zeit für diese Aspekte, für die Wünsche, die die Menschen zu der Agentur führen, und die Verletzungen, die Unehrlichkeit verursachen kann. Aber auch die Erfüllung, die Phillip einem Kunden beschert, der sich nichts anderes wünscht, als jemand, der Zeit mit ihm verbringt; einen Freund. Es ist ein Service, der emotionale Nähe bietet, wie Manche körperliche Nähe gegen eine Gebühr offerieren. Filmemacherin Hikari verurteilt dies nicht, sondern weist vielmehr auf die Möglichkeiten und Gefahren hin, während sie in manch absurd erscheinenden Situationen durchaus die Frage aufwirft, was es über uns als Gesellschaft aussagt, dass je dichter die Menschen örtlich zusammenrücken, wie am Beispiel Tokyo zu sehen, sie emotional stets isolierter zu werden scheinen.
Rental Family ist fantastisch bebildert mit vielen Eindrücken aus dem Leben in Tokyo und einer Symmetrie, die sich auch in der Erzählung wiederfindet. Sie beginnt mit einer Beerdigung, bei der die Emotionen – bis auf eine – nur gespielt sind, und sie endet mit einer, bei der die eine Emotion, die man sieht, greifbarer und echter nicht sein könnte. Nichtsdestotrotz bleibt die Aussage am Ende lebensbejahend und fordert das Publikum auf, eben diese Verbindungen mit Anderen zu suchen. Das macht Hoffnung und ist so einfühlsam wie bewegend umgesetzt. Sei es, wenn der Mann, der zu Beginn „beerdigt“ wird, meint, dass er sich nach den wertschätzenden Worten der gespielten Hinterbliebenen endlich gesehen fühlt – oder wenn man sich bei der unerwarteten Wendung selbst dabei ertappt, die Täuschung nicht als solche erkannt zu haben. Diese Eindrücke bleiben bei einem, lange, nachdem der Abspann vorüber ist.
Fazit:
Es gibt einen Moment, als Phillip einmal mehr in seine dunkle Wohnung zurückgekehrt ist und durch sein Fenster den Nachbarn zusieht, wie sie ihr Leben leben, in dem Filmemacherin Hikari beinahe beiläufig einen älteren Mann zeigt, der allein am Tisch sitzt und sehnsüchtig ins Leere starrt. Man könnte beinahe übersehen, dass auf dem Tisch ein zweiter Teller steht, der Mann aber so einsam ist, wie Phillip selbst. Die Rollen, die er spielt, haben in jedem Fall für seine Kundschaft eine besondere Bedeutung, er bemerkt aber kaum, wie wichtig sie ihm selbst werden. Zu sehen, wie Mia Vertrauen zu ihm fasst, zaubert einem daher umso mehr ein Lächeln ins Gesicht. Kann man eine Verbindung zu Anderen aufbauen, ohne selbst auch emotional verbunden zu werden? Wenn die Täuschung von der Realität nicht zu unterscheiden ist, werden auch die Verletzungen, die sie bewirken, real. Von der gesamten Besetzung fantastisch gespielt, zeigt Brendan Fraser eine leise wie differenzierte Darbietung, die unter die Haut geht. Rental Family ist wunderschön in Szene gesetzt und erzählt so berührend wie wertvoll vom Kern der menschlichen Verbindung. Es ist einer der schönsten Filme des (vergangenen) Jahres über ein gerade heute so wichtiges Thema.

