Ausnahmezustand [1998]

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5–8 Minuten
Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 8. Februar 2026
Genre: Thriller

Originaltitel: The Siege
Laufzeit: 116 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1998
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Edward Zwick
Musik: Graeme Revell
Besetzung: Denzel Washington, Annette Bening, Tony Shalhoub, Bruce Willis, Sami Bouajila, Lianna Pai, Mark Valley, David Proval, Lance Reddick, Ahmed Ben Larby, Aasif Mandvi, Amro Salama


Kurzinhalt:

Nach einem beängstigenden Zwischenfall mitten in New York City erhält das FBI eine anonyme Aufforderung, die Assistant Special Agent Anthony Hubbard (Denzel Washington), sein Partner Special Agent Frank Haddad (Tony Shalhoub) und das Team aber nicht einzuordnen vermögen. Ermittlungen führen sie zur CIA-Agentin Elise Kraft (Annette Bening), die Hubbard jedoch nicht ansatzweise einweiht. Dann verüben islamistische Terroristen einen verheerenden Anschlag in der Stadt. Hubbard gelingt es, zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen, einen weiteren Anschlag zu verhindern, doch die Stadt wird in den darauffolgenden Tagen immer wieder Opfer von Bombenanschlägen. Hubbard ist der Überzeugung, dass Elises Kontaktperson Samir (Sami Bouajila) Informationen besitzt, die zu den Hintermännern der Anschläge führen könnten, doch Elise ist nicht gewillt, ihre Quelle unter Druck zu setzen. Da greift der amerikanische Präsident zu einer drastischen Maßnahme und sendet Major General William Devereaux (Bruce Willis) und eine Division der US-Armee nach New York City, um die verbliebenen Terrorzellen ausfindig zu machen. Dafür setzt Devereaux Bürgerrechte außer Kraft und stellt alle muslimischen Menschen unter Generalverdacht. Darunter auch Frank Haddad und seinen Sohn …


Kritik:
Bei aller berechtigter Kritik war Edward Zwicks Thriller Ausnahmezustand seiner Zeit dennoch in mehrerlei Hinsicht voraus. Die Geschichte um eine Reihe von islamistisch motivierten Terroranschlägen im Herzen von New York City sollte nur wenige Jahre später von der Realität überholt werden. Weitaus beunruhigender ist allerdings, in welche Richtung die Story weitergesponnen wird. Bis auf eine Darbietung stark gespielt, ist das heute so aktuell wie damals und scheint regelrecht prophetisch.

Der Einsatz, zu dem FBI Assistant Special Agent Anthony Hubbard und sein Kollege libanesischer Herkunft, Special Agent Frank Haddad, zu Beginn gerufen werden, scheint im ersten Moment wie eine Warnung, deren Botschaft das FBI allerdings nicht versteht. Zwar wird niemand verletzt, doch die entkommenen Attentäter stellen eine Forderung, mit der Hubbard sowie seine Kolleginnen und Kollegen nichts anzufangen wissen. Bei seinen Ermittlungen stößt das FBI auf die CIA-Agentin Elise, die sie jedoch hinsichtlich der Hintergründe nicht einweihen darf. Die unterschiedlichen Zuständigkeiten stehen selbst dann noch zwischen ihnen, als eine Reihe von Bombenanschlägen die Stadt erschüttert. Nach dem ersten Angriff gelingt es Hubbards Team zwar, den Verantwortlichen auf die Spur zu kommen, doch der zweite Anschlag ist noch verheerender. In der Stadt herrscht Panik, weshalb der Präsident zu einer beispiellosen Entscheidung gelangt und Major General William Devereaux der US-Armee zusammen mit einer mehr als 10.000 Soldaten umfassenden Division in die Stadt entsendet.

Auch wenn dies erst spät in der Geschichte geschieht, diese zweite Hälfte prägt den so aktuellen wie brandgefährlichen Inhalt von Ausnahmezustand. Unter Verhängung des Kriegsrechts werden Menschen mit auch nur vermutet muslimischem Hintergrund aus ihren Häusern gezerrt und eingepfercht. Folter und Misshandlungen durch das US-Militär sind ebenso an der Tagesordnung, wie das Aussetzen der Bürgerrechte für alle anderen Menschen in New York City bzw. dessen Stadtteil Brooklyn. Dafür setzt General Devereaux das „Habeas Corpus“ außer Kraft, ein Rechtsstatut, nach dem Bürgerinnen und Bürger nicht willkürlich verhaftet werden dürfen und innerhalb kürzester Zeit einer Richterin bzw. einem Richter vorgeführt werden müssen. Ebenso wird der „Posse Comitatus Act“ ignoriert, ein Gesetz, das explizit regelt, in welchen Fällen und in welcher Art Bundesmilitär im Inland eingesetzt und mit der Durchsetzung der Gesetze vor Ort beauftragt werden darf. Um es kurz zu sagen, die Schutzmechanismen, die verhindern sollen, dass die US-Armee als private Eingreiftruppe des amerikanischen Präsidenten missbraucht wird und sich über die in der Verfassung verankerten Bürgerrechte hinwegsetzt, werden übergangen. Es klingt mehr wie ein aktueller Nachrichtenbeitrag denn ein fiktives Thrillerszenario.

Die staatliche Übergriffigkeit gegenüber der Bevölkerung wird hier verkörpert durch Major General William Devereaux, der die Politikerinnen und Politiker selbst beschwört, die Armee nicht heranzuziehen. Als er jedoch den Auftrag erhält, die verbliebenen Terrorzellen zu finden, nutzt er alle Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen und wischt gleichzeitig die fundamentalsten Grundrechte hinweg. Da sich hierdurch im dritten Akt die gesichtslose Bedrohung des Terrorismus nicht nur umwandelt in die Bedrohung, die durch das Militär selbst ausgeht, sondern außerdem in einer Person kanalisiert wird, wäre es hilfreich gewesen, die Figur des widerwilligen Schurken mit jemandem zu besetzen, der diesen Spagat zu meistern versteht. Bruce Willis, der Filmemacher Zwick regelrecht vorgegeben wurde, wie er selbst mitteilt, gelingt dieser Zwiespalt allerdings nicht. Unter seiner hölzernen und kaum charismatischen Darbietung leidet Ausnahmezustand merklich, was umso deutlicher wird, sieht man sich die übrige Besetzung an. Denzel Washington gelingt in seiner dritten Zusammenarbeit mit dem Filmemacher mühelos eine packende Verkörperung des FBI-Agenten, der sich zuerst nicht eingestehen möchte, dass ihm die Situation nicht nur entgleitet, sondern er nie Herr selbiger gewesen ist, während er anschließend mitansehen muss, wie die Rechtsstaatlichkeit, für die er steht, mit Füßen getreten wird. Annette Benings Figur bleibt zwar blaß, ist aber ebenso gelungen zum Leben erweckt, während Tony Shalhoub die Zerrissenheit eines Einwanderers greifbar macht, der sich mit seiner neuen Heimat verbunden fühlt und nun von ihr mit Füßen getreten wird.

Dass der Geschichte dennoch von der muslimischen und arabischen Gemeinde in den Vereinigten Staaten vorgeworfen wurde, ihre Mitglieder als stereotype Terroristen zu porträtieren, kann man nachvollziehen und obwohl das Drehbuch andere Stimmen zu Wort kommen lässt, ist nicht von der Hand zu weisen, dass insbesondere in der ersten Hälfte ein klischeehaftes Bild von Terroristen gezeichnet wird. Dass New York City wenige Jahre später tatsächlich von einem islamistischen Terroranschlag getroffen wurde, der in der Folge dazu führte, dass Ausnahmezustand wie kaum ein anderer Film aus Videotheken ausgeliehen wurde, ändert auch an dieser Darstellung nichts. Nichtsdestotrotz ist dies im Grunde nur der Auftakt einer Erzählung, die in der zweiten Hälfte differenzierter gerät, als man vermuten würde. Auch hier bleibt Potential ungenutzt betreffend die Eskalation in der Stadt und den Verlust der Grundrechte, so dass man sich wünschen würde, die Geschichte wäre bereits nach einem Drittel an dem Punkt angelangt und würde mehr Zeit darauf verwenden zu schildern, welche Auswirkungen der Einsatz des Militärs tatsächlich hat. Erschreckend ist es dennoch. Heute beinahe noch mehr als damals.


Fazit:
Einen wirklichen Bogen zu den ersten Minuten spannt die Erzählung am Ende nicht wirklich, so dass man sich durchaus fragen muss, ob die Bedrohungslage für New York City zum Schluss hin schließlich nicht genauso hoch ist. Zu sehen, wie die Stadt von mehreren Terroranschlägen getroffen wird, verleiht der Geschichte aus heutiger Sicht ein anderes Gewicht. Selbst wenn nicht alle muslimischen oder arabischen Figuren hier als Terroristen dargestellt werden und das Drehbuch tatsächlich um eine Unterscheidung bemüht ist, eine vielschichtige Charakterzeichnung findet sich ebenso wenig, weshalb auch die Kommentare betreffend die Einmischung der Vereinigten Staaten in die Politik des Nahen Ostens und deren Auswirkungen zu oberflächlich ausfallen, selbst wenn sie inhaltlich nicht falsch sein mögen. Was Edward Zwicks Erzählung auszeichnet, ist wie er die im englischen Original Titel gebende Belagerung der Stadt zuerst von Terrorangriffen umwandelt zu einer Belagerung durch die US-Armee, die beginnt, die Bürgerinnen und Bürger zu terrorisieren. Hier verschwimmen Grenzen, der Übergang ist fließend und Grundrechte werden aufgeweicht, was man vor beinahe 30 Jahren noch für eine überzeichnete Dystopie gehalten haben mag. Doch gerade aus heutiger Sicht zeigt Ausnahmezustand auf erschreckende Art und Weise, wie zerbrechlich die Freiheit einer Gesellschaft ist. In Battlestar Galactica [2003, 2004-2009] heißt es hierzu, „es gibt einen Grund, weshalb man die Aufgaben des Militärs und der Polizei trennt. Das eine bekämpft die Feinde des Staates, das andere dient dem und beschützt das Volk. Übernimmt das Militär all diese Aufgaben, wird das eigene Volk zum Staatsfeind.“ Treffender kann man es kaum zusammenfassen oder hier veranschaulichen.
 

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