|
Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 27. Januar 2026
Originaltitel: Send Help
Laufzeit: 113 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren
Regie: Sam Raimi
Musik: Danny Elfman
Besetzung: Rachel McAdams, Dylan O’Brien, Edyll Ismail, Xavier Samuel, Dennis Haysbert, Thaneth Warakulnukroh, Chris Pang, Emma Raimi
Kurzinhalt:
Linda Liddle (Rachel McAdams) ist am Boden zerstört, als sie erfährt, dass nicht sie die Beförderung erhält, sondern ihr Kollege, der mit dem neuen Präsidenten ihrer Firma, Bradley Preston (Dylan O’Brien), studiert hat. Preston hat die Firma gerade erst von seinem verstorbenen Vater übernommen und begründet Linda gegenüber den Schritt damit, dass er sie nicht charmant genug für eine Führungsposition findet. All die positiven Selbsthilfezitate helfen Linda nicht, über die Enttäuschung hinwegzukommen. Doch Preston bietet ihr an, in der Niederlassung in Bangkok aufzusteigen, wenn sie ihn überzeugt. Auf dem Weg im Firmenjet nach Thailand stürzt das Flugzeug ab, nur Linda und Bradley überleben und werden auf eine kleine Insel gespült. Es ist eine Situation, auf die sich Linda seit Jahren vorbereitet hat mit Überlebensratgebern, Shows und Dokumentationen, die sie sich angesehen und für die sie sich sogar als Teilnehmerin beworben hat. Preston ist hingegen vollkommen hilflos und kann sich nicht damit abfinden, dass Linda in Kontrolle ist. Aber nicht nur, dass sich das Machtgefälle merklich verschoben hat, Linda erweckt den Eindruck, als wollte sie nicht, dass sie und Bradley die Insel überhaupt wieder verlassen …
Kritik:
Die Grundidee von Send Help ist so einfach und für einen Großteil des Publikums nachvollziehbar, dass der Reiz der Story nicht schwer zu erklären ist. Darin strandet eine Mitarbeiterin mit ihrem neuen Boss auf einer einsamen Insel, ohne die Aussicht, dass bald Hilfe eintrifft. Auf sich allein gestellt, dreht sich das Über-/Unterordnungsverhältnis um. Aber in das Genre des Psychothrillers dreht Filmemacher Sam Raimi das Geschehen nur zeitweise. Dafür prägt er den Horror letztlich mit seiner ganz eigenen Handschrift.
Im Grunde ist die Geschichte ein Kammerspiel mit Linda Liddle und Bradley Preston als zentrale Figuren. Linda arbeitet seit Jahren in der Firma, die Preston gerade erst nach dem Tod seines Vaters übernommen hat. Aber anstatt Linda die versprochene Beförderung zukommen zu lassen, zieht Bradley einen Studienfreund vor, der Lindas Arbeit als seine eigene ausgibt. Linda soll „die Jungs“, wie Bradley sie nennt, auf einer Reise im Firmenjet nach Bangkok begleiten, doch irgendwo über dem Golf von Thailand stürzt die Maschine ab und neben Linda wird auch Bradley an den Strand einer kleinen Insel geschwemmt. Bradley ist verletzt und würde sich Linda nicht um ihn kümmern, würde er die ersten Tage nicht überleben. Seit Jahren bereits beschäftigt sie sich mit Überlebensratgebern und Selbsthilfebüchern. Sie hatte sich sogar für eine Fernsehshow beworben, in der die Kandidatinnen und Kandidaten in der Wildnis überleben müssen. Über das Bewerbungsvideo haben sich Bradley und die Jungs gerade erst vor dem Absturz lustig gemacht. Nun, auf sich allein gestellt auf der Insel im Pazifik, kommen Lindas Fähigkeiten überaus gelegen. Aber nicht nur, dass Bradley sich seiner Angestellten kaum unterzuordnen vermag, er hat das Gefühl, als wollte Linda die Insel gar nicht mehr verlassen.
Es fällt nicht schwer zu erkennen, weshalb. Schien Linda im Büro trotz ihrer guten Arbeit, als wäre sie ein Mauerblümchen, das keinen Anschluss zu den übrigen Kolleginnen und Kollegen findet, ist sie auf der Insel ganz in ihrem Element. Im Nu hat sie ein behelfsmäßiges Dach aufgebaut und etwas, um Regenwasser aufzufangen. Ihre Kenntnisse über essbare wie giftige Pflanzen kommen ihr ebenfalls zugute und begibt sie sich auf ihre erste blutige Jagd, hat man den Eindruck, als würde der Adrenalinrausch beim Töten etwas in ihr entfesseln. Rachel McAdams gelingt aber nicht nur diese Transformation ausgesprochen gut, sondern gerade in einigen leisen Momenten, in denen deutlich wird, wonach sich Linda am meisten sehnt, wird ihre Verletzlichkeit greifbar. Es ist eine ebenso starke Darbietung wie diejenige von Dylan O’Brien, der im letzten Drittel einige seiner stärksten Augenblicke hat. Dass sich die Dynamik zwischen Linda und ihrem arroganten Boss im Laufe der Geschichte ändert, macht den Reiz von Send Help aus. Überraschend ist aber doch, wie stark die Erzählung auch die Sympathien zwischen den Figuren verschiebt. Ist Bradley zu Beginn auf Grund seines Verhaltens nicht nur herablassend, sondern geradezu verletzend gegenüber Linda, wirkt er auf der Insel regelrecht hilflos. Ohne Linda könnte er keine Woche überleben, wie sie ihm eindrucksvoll wie eiskalt vor Augen führt, nachdem er zu ihr meint, „Sie arbeiten für mich“. Dennoch ist sie ihm gegenüber nicht böswillig, obwohl er sie schlecht behandelt hat. Der Meinung ist man zumindest solange, bis man merkt, dass sie etwas im Schilde führt.
Was das aber genau ist, wenn sie angesichts der nahenden Rettung meint, „noch nicht“, macht der Film nie wirklich deutlich. Auch beschäftigt sich Send Help mehr damit zu zeigen, wie Linda und Bradley versuchen, zu überleben, als dass sie sich in langen Gesprächen austauschen würden. So wird allerdings nie klar, wann oder weshalb die Stimmung kippt, nachdem sich die beiden beginnen, besser zu verstehen und Linda Bradley auch Überlebensstrategien beibringt. Tatsächlich gibt es nur einen einzigen tiefgehenden Dialog und selbst den Aspekt eines Psychothrillers, wenn Bradley bemerkt, dass er Linda in Wirklichkeit ausgeliefert ist, greift die Geschichte erst spät auf. Dann stellt Regisseur Raimi nicht nur die Sympathien der Figuren auf den Kopf, sondern schraubt den Gewaltgrad relativ plötzlich derart in die Höhe, dass der durchaus brutale Flugzeugabsturz im Vergleich merklich verblasst. Bei alledem behält er einen Aspekt bei, der viele seiner Filme ausgezeichnet hat, und versieht die merklich überzeichnete Gewalt mit einem bösen Humor, so dass man die Grausamkeiten, die geschehen, kaum ernst nehmen kann.
Ähnliches gilt bedauerlicherweise auch für zu viele Momente auf der Insel selbst. Das natürliche Licht am Strand und die Umgebung tragen so sehr zu einer gelungene Atmosphäre bei, dass die offensichtlichen Studio- und Greenscreen-Aufnahmen umso mehr auffallen. Es ist unverständlich, weshalb Serien wie Lost [2004-2010] oder Komödien wie Sechs Tage, sieben Nächte [1998] hier einen stimmigeren Eindruck hinterlassen. Dabei beweist Regisseur Sam Raimi wie gehabt ein Auge für interessante Einstellungen und gelungene Perspektiven. Die größte Überraschung der Story kommt auch tatsächlich unerwartet. Dass die Figuren durchgehend auf jener Insel auf sich gestellt sind, glaubt man allerdings kaum. Dafür rückt Send Help den Überlebenshorror nach Lindas erster Jagd zu wenig in den Mittelpunkt und selbst die Konfrontationen der Figuren liegen zu weit auseinander oder verlaufen sich zu schnell. Das bedeutet aber nicht, dass man sich von den gelungenen Darbietungen nicht mitnehmen lassen könnte. Es kann nur sein, dass ein Publikum, das sich dabei ertappt, mit den Figuren mitzufiebern, sich am Ende fragt, ob es das überhaupt wert war.
Fazit:
In vielen Momenten gerät die Geschichte von Linda und Bradley auf jener an sich traumhaften Insel derart böse, dass der Kontrast der Hässlichkeit der Menschen untereinander zur Schönheit der Natur kaum größer sein könnte. Regisseur Sam Raimi versieht seine Erzählung mit vielen bissigen Kommentaren, zwischen denen die wenigen Augenblicke, in denen die Figuren wirklich vertieft werden, beinahe untergehen. Doch kann sich das Drehbuch nicht wirklich entscheiden, ob dies nun ein Überlebenshorrorfilm sein soll, in dem die Figuren bereit sind, alles zu tun, um am Leben zu bleiben, oder ein Psychothriller, der sich um Macht und Besitz dreht. Auch darum, jemand anderen für sich allein zu haben. Die Erzählung scheint lange kein wirkliches Ziel zu verfolgen und wenn sich dieses schließlich abzeichnet, verschiebt es die Sympathie der Figuren soweit und zuerst mit Lindas Entscheidung, dann wie Bradley sie hintergeht, dass man an sich mit niemandem mehr mitfiebern möchte. Dies versucht Send Help im letzten Drittel durch ein überraschend blutiges und brutales Finale auszugleichen, das gleichzeitig aber so zynisch präsentiert wird, dass man bei manchen Einstellungen beinahe zusammenzuckt. Dass man dies nicht ernst nehmen soll, versteht sich von selbst und wird nicht erst dann klar, wenn die vierte Wand auch noch durchbrochen wird. So unterhaltsam das ist, es ändert nichts daran, dass man am Ende nicht das Gefühl hat, mit den Figuren mitzufiebern hätte sich gelohnt, auch wenn diese durch eine Besetzung ist Bestform packend zum Leben erweckt sind.

