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Die Schätzungen, wie viel Öl tagtäglich aus der gesunkenen Ölbohrinsel Deepwater Horizon in den Golf von Mexiko fließt, schwanken stark. Es könnten "nur" drei Millionen Liter sein, es könnten auch über sechs sein. Als BP die Genehmigung einholte, um an jener Stelle nach Öl zu bohren, gaben sie als worst-case-Szenario eine Rate von über 25 Millionen Liter pro Tag an. Die Bohrung wurde dennoch genehmigt, Rückfallventile, welche die Katastrophe hätten verhindern oder eindämmen können, wurden nicht angebracht, weil sie nicht gesetzlich vorgeschrieben sind. Einer mittleren Schätzung nach treten derzeit knapp vier bis fünf Millionen Liter pro Tag aus. Nach knapp zwei Monaten seit dem Unglück übersteigt die Menge an verströmtem Öl damit auch bei weitem das Unglück des Exxon Valdez-Tankers 1989 in Alaska. Damals gelangten mindestens 41 Millionen Liter Rohöl ins Meer – genauere Zahlen gibt es nicht, auch wenn Umweltschützer die Zahl als zu niedrig einschätzen. ![]() Satellitenaufnahme der Golf-Region durch die NASA. Eine Luftaufnahme verdeutlicht zwar nur in etwa das Ausmaß der Katastrophe, doch kann man angesichts von Meldungen, die hierzulande gerne verschluckt werden die Beteuerungen BPs über deren Twitter-Konto nicht nachvollziehen, wie viel Öl und Gas denn abgepumpt, beziehungsweise verbrannt wurde.
Die Unvernunft, mit der manche Menschen an die Situation herangehen ist dabei wirklich erschreckend. So gibt es immer noch welche, die in den ölverseuchten Gebieten schwimmen gehen. Vielleicht ist dies aber nur der Fall, weil ihnen solche Bilder vorenthalten bleiben:
So viel denn auch im Hintergrund passieren mag, man wird in gewissem Sinne das Gefühl nicht los, als wäre kein Interesse da, das Bohrloch endgültig zu verschließen. Immerhin pumpt BP nach wie vor Öl aus dem Leck ab und das riesige Vorkommen an jener Stelle würde versiegen, wenn man zu radikaleren Mitteln greift. Viel eher bekommt man das Gefühl, die Verantwortlichen würden das "Feuer kontrolliert abbrennen" lassen wollen. Der Grund für diese Taktik ist ganz einfach: sie ist erfolgreich. Wer erinnert sich heute noch daran, wie die Ölfirma Texaco von den 1960er Jahren bis in die frühen 1990er in Ecuador einfiel und nebst einer ruinierten Landschaft eine Umweltverschmutzung hinterließ, deren Auswirkungen die Menschen dort heute noch treffen? Kontrolliert wurden dort Abfallprodukte in das Ökosystem gekippt, die nicht nur Tier, sondern auch Mensch zutiefst beeinflussten. Ein Prozess wegen einer Schadenersatzforderung läuft seit über 15 Jahren – Chevron, die inzwischen Texaco aufgekauft hatten, scheinen das Ende des Prozesses aussitzen zu wollen. Viele der Kläger sind immerhin schon gar nicht mehr am Leben.
Eine Ölbohrung könnte auch Auslöser für jene bei uns unbeobachtete Katastrophe sein, die sich seit vier Jahren in Jakarta zuträgt. Dort sprudelt ein heißer Schlammbrei pro Minute bis zu 1000 Badewannen Material aus der Tiefe und ergießt sich über Ost-Java. Felder und Häuser hat der See bereits unter sich begraben, 25.000 Menschen mussten umgesiedelt werden – ob die Ölbohrung tatsächlich Schuld an der natürlichen Katastrophe ist, sei dahingestellt. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, dass wir es in einer globalisierten Welt immer noch nicht schaffen, über den Tellerrand hinauszusehen. Selbst von dem unvorstellbaren, fünfzehn Meter breiten und 20 Meter tiefen Erdloch, das sich mitten in Guatemala aufgetan hat, war in der Presse hierzulande nichts zu erfahren. Dass dieses Phänomen außerdem in Kanada und andernorts schon ganze Häuser samt Familien mit sich gerissen hat, scheint auch nicht zu interessieren. Zugegebenermaßen scheint man auch nach knapp einem Jahr schon vergessen zu haben, wie in Nachterstedt eine riesige Fläche in den angrenzenden See abgerutscht ist. Angesichts der Ausmaße, die von Menschen geschaffene Katastrophen an irreparablen Schäden anrichten, ist es wichtig, dass wir die Augen nicht vor dem verschließen, was früher geschehen ist und was derzeit geschieht. Auch wenn es uns die Tränen in die Augen treibt. Nur durch den Druck der Öffentlichkeit kann vielleicht eine Notwendigkeit für Sicherheitsvorkehrungen geschaffen werden, damit sich solche Tragödien nicht wiederholen. Die Politik allein, auf die wohlwollenden und berechnenden Spenden der Industrie angewiesen, ist nicht erst seit zwei Monaten machtlos. Zurück |
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